Videoanimation

DER GLANZ DER SONNE

Videoanimation
HD 1080p, Farbe, 16-bit 48 kHz stereo
3:10 min
2016

Dieser animierte Kurzfilm entstand für die Gruppenausstellung „HÄSSLICHE KOPIEN“ in der Kommunalen Galerie Berlin. Das Ausstellungskonzept wurde von der Künstlergruppe Happenstudio in Zusammenarbeit mit dem irakischen Künstler und Dissidenten Munir Alubaidi und dem georgischen Maler Gogi Gelantia entwickelt. In einem ansonsten leeren Ausstellungsraum sehen sich die Besucher mit 10 scheinbar identischen Flaggen konfrontiert, deren Gestaltung an die Nationalflagge des Dritten Reiches erinnert. Anstelle von Hakenkreuzen befinden sich jedoch darauf unterschiedliche QR-Codes, die die Besucher mit bereitgestellten Tablet-PCs (oder dem eigenen Smartphone) einscannen können. Daraufhin gelangen sie zu den einzelnen künstlerischen Arbeiten, die nur virtuell am Bildschirm erfahrbar sind. Inhaltlich beschäftigen sich die Künstler mit der Macht der Algorithmen und totalitärer Systeme über das Leben des Einzelnen, teils vor dem Hintergrund von persönlichen Erfahrungen oder der eigenen Familiengeschichte. Der Titel der Ausstellung basiert auf der fehlerhaften – aber treffenden – Rückübersetzung eines Marx-Zitats aus dem Arabischen: „Hegel bemerkt irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: Das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“

In meinem eigenen Beitrag „Der Glanz der Sonne“ beschäftige ich mich ebenfalls mit faschistischer Ästhetik: Musikalisch untermalt von Fragmenten aus Opern und Märschen der Komponisten Richard Wagner und Herms Niel, untersucht mein Animationsfilm den utopischen Mythos der sogenannten Welthauptstadt Germania, in die Berlin nach dem erträumten Endsieg umgewandelt werden sollte. Als visuelle Vorlage dienten die Germania-Entwürfe des Nazi-Architekten Albert Speer, weitere heute noch im Stadtbild existierende Beispiele totalitärer Architektur sowie Fritz Langs Stummfilm „Metropolis“.

Ausstellungskonzept und künstlerische Beiträge: Munir Alubaidi, Gogi Gelantia, Happenstudio (Nathalie Guilbaud, Tatjana Preuss, René Otto Simon, Herma Auguste Wittstock, Marie Zbikowska)

DER GLANZ DER SONNE (komplettes Video)

Drehbuch
Drehbuch für Der Glanz der Sonne

DER GLANZ DER SONNE

EIN BÜNDEL VON WARHEITEN
IM BÜSCHEL DER MÖGLICHKEITEN,
EIN ZÄHER STRANG
AUS BEINAHE GEWESENEM.

ERDACHT VON ANDEREN,
ERSEHNT VON UNS ALLEN.

DAS GOLDENE ZEITALTER,
DER HEILIGE SCHEIN.
IMMER IN DER ZUKUNFT
UND
DER VERGANGENHEIT ZUGLEICH.

ÜBER EINEM TAL
GEHT DIE SONNE AUF.

GÜLDEN UND SCHWER
STEHT SIE IM HIMMEL,
HÜLLT DIE WELT
IN IHREN GLANZ.

IHR GEWICHT
KRÜMMT DEN RAUM
UND VERBIEGT DIE ZEIT.

ALLES BEGINNT SICH
UM SIE ZU DREHEN.
SCHWERKRAFT.
DAS TAL SINKT IN DIE ERDE.

DEM GEFÄLLE FOLGEND,
STRÖMEN KLEINE TIERE
AUF DAS ZENTRUM ZU.
EIN STROM AUS WESEN,
WESEN IM STROM.

AM TIEFSTEN PUNKT,
DIREKT UNTER DER SONNE,
ERRICHTEN DIE ANDEREN
EINE MASCHINE AUS STAHL,
NEBEL UND FLEISCH.

DIE SONNE SAUGT
DIE WESEN AN SICH.

DIE MASCHINE ZERMALMT
SIE ZU FEINEM BREI.

IM GLANZ DER SONNE
GERINNT DER BREI
ZU MARMOR UND PORZELLAN,
ZU STRASSEN,
PLÄTZEN UND PALÄSTEN.

WIND WEHT.
RINGS UM DAS ZENTRUM
FLATTERN DIE FAHNEN.

ES IST SCHÖN.

DOCH DANN ZIEHEN
VON IRGENDWOHER
WOLKEN AUF,
VIELLEICHT AUCH RAUCH.

DIE SCHWADEN
VERDUNKELN
DIE SONNE.

UND AUSSEN WIRD,
WAS WIRKLICH WAHR,
PLÖTZLICH
FÜR ALLE
SICHTBAR.
SELBST FÜR DIE ANDEREN.
ES SCHMERZT.

DAS GOLDENE ZEITALTER,
DER HEILIGE SCHEIN,
VERBLASST UND KOLLABIERT.

DAS ÄUSSERE FEGT HEREIN
UND TRÄGT DIE RESTE AB,
STÜCK FÜR STÜCK,
BIS NICHTS MEHR ÜBRIG BLEIBT.

EINZELNE KLEINE TIERE
SITZEN VERDATTERT HERUM.
ES WÄCHST GRAS.